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IMES-Kurse Hannover

Aktuelle Kurse:

Mo 16-18 Uhr
Stadtbibliothek Mühlenberg
Mühlenberger Markt 1
30159 Hannover


Mi 10-12 Uhr

Arkadaş e.V.
Stiftstraße 13
30159 Hannover

Mi 14-17 Uhr
Jugend- und Stadtbibl. List
Lister Straße 11
30163 Hannover

(derzeit inaktiv)
Jugendzentrum Stöcken
Eichsfelder Straße 32
30419 Hannover

Do 10-12 Uhr
Freizeitheim Vahrenwald
Vahrenwalder Straße 92
30165 Hannover

derzeit inaktiv
Stadtteilzentrum KroKuS
Thie 6 (Kronsberg)
30639 Hannover

Fr 9-11 Uhr
Stadtbibliothek Linden
Lindener Markplatz
30449 Hannover

Sa 9-11 Uhr
Stadtbiblitohek Zentrale
Hildesheimer Straße 12
30169 Hannover

Interessierte Migranten und Migrantinnen sowie deutsche Teilnehmer, soweit noch Plätze verfügbar, sind zu den Terminen
auch ohne vorherige Anmeldung immer herzlich willkommen.
Die Kurse sind kostenlos.

Stuttgarter Erklärung des Kongresses der Gemeinden und Regionen Europas

Die rund 400 Teilnehmer aus 30 europäischen Ländern, von kommunalen und regionalen Behörden, Parlamenten, von Vertretern der Bürgergesellschaft und Migrantenvereinigungen, haben anlässlich der Konferenz “Integration und Partizipation von Ausländern in den Europäischen Städten am 16.9.2003 in Stuttgart folgende Deklaration beschlossen: Weiterlesen Stuttgarter Erklärung des Kongresses der Gemeinden und Regionen Europas

Interkulturelle Kompetenz als Anforderungsprofil in der Jugend- und Sozialarbeit

erschienen in: “iza Zeitschrift für Migration und soziale Arbeit” 1-2003

von Prof. Dr. Stefan Gaitanides

Der Begriff der interkulturellen Kompetenz hat Hochkonjunktur. Alle reden von interkultureller Kompetenz und verstehen dovh sehr Unterschiedliches darunter. Ich werde in meinem Beitrag versuchen, ein wenig Klarheit in die diffuse Debatte zu bringen. Weiterlesen Interkulturelle Kompetenz als Anforderungsprofil in der Jugend- und Sozialarbeit

Deutsche Sprache Voraussetzung für Integration

Landesregierung verabschiedet “Handlungsprogramm Integration in Niedersachsen” (Mitteilung des Innenministeriums)

HANNOVER. Die Niedersächsische Landesregierung hat am Dienstag das von Innenminister Uwe Schünemann vorgelegte “Handlungsprogramm Integration in Niedersachsen” verabschiedet. Das Programm fasst die Bemühungen und Maßnahmen des Landes zur Integration der hier lebenden sowie der neu zuwandernden Migrantinnen und Migranten zusammen und zeigt neue Perspektiven auf.”Integration kann nur gelingen, wenn die Zuwanderer hierzu selbst den entscheidenden Beitrag leisten und die deutsche Sprache erlernen. Außerdem müssen sie das Grundgesetz sowie die grundlegenden Normen unserer Rechtsordnung anerkennen”, betonte Schünemann. Das Handlungsprogramm stehe unter der Prämisse “fördern und fordern”.  Schünemann: “Vor allem die Eltern haben nicht nur für sich sondern auch für ihre Kinder ein hohes Maß an Verantwortung für das Gelingen der Integration. Integration ist ein Prozess des Miteinander zwischen einheimischer und zugewanderter Bevölkerung. Konsequentes präventives Handeln ist erforderlich, um Abschottungen in Parallelgesellschaften und soziale Desintegration zu verhindern”.

Niedersachsen setzt für die Integration der gut eine halbe Million Migrantinnen und Migranten im Lande, von denen fast die Hälfte schon länger als zehn Jahre hier lebt, erhebliche Geldmittel ein: Im Jahr 2003 sind im Haushalt fast 55 Mio. € veranschlagt, für 2004 sollen es nach den Planungen 71 Mio. € sein. Der Löwenanteil, mehr als 90 Prozent, geht in vorschulische und schulische Fördermaßnahmen.

Das Integrationsprogramm steht in engem Zusammenhang mit der Gesetzesinitiative des Landes für ein Integrationsförderungsgesetz. Es sieht gezielte Maßnahmen vor im vorschulischen und schulischen Bereich, bei Ausbildung und Arbeit sowie bei der Förderung von Frauen und Stärkung der Familie. Auch Beratungsangebote sollen effektiver werden und zu einem Netzwerk Integration ausgebaut werden.

Die Umsetzung des Handlungsprogramms wird von einem beim Innenministerium eingerichteten “Forum Integration” begleitet und unterstützt. Diesem Gremium gehören neben den beteiligten Ministerien und den kommunalen Spitzenverbänden alle relevanten gesellschaftlichen Organisationen und Verbände in Niedersachsen an.

Olaf Glaeseker
Nds. Staatskanzlei
Regierungssprecher
Planckstr. 2
30169   Hannover
Tel: (0511) 120-6946
Fax: (0511) 120-99 6946

Trainingsleitfaden für Interkulturelle Managementkompetenz

Warum ein Trainingsleitfaden für Interkulturelle Managementkompetenz?

Managementmethoden haben auch außerhalb des Wirtschaftsbereiches an Bedeutung gewonnen. Grund hierfür ist ein zunehmendes Effizienz- und  Qualitätsbewusstsein.

Globalisierung und Internationalisierung haben die klassischen  Arbeitsmethoden von ManagerInnen verändert. In zunehmendem Maße wird  Interkulturelle Kompetenz berücksichtigt.Interkulturelle Handlungskompetenz ist Voraussetzung für Erfolg in transnationalen und kulturell-gemischten Arbeitsfeldern der Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen. Sie kann kostenaufwendige Konflikte und Missverständnisse vermeiden und Synergie-Effekte einer interkulturellen Zusammenarbeit fördern.

Mit dem Trainingsleitfaden Interkulturelle Managementkompetenz des Landesamtes für Entwicklungszusammenarbeit werden TrainerInnen in die Lage versetzt, diese besonderen Handlungskompetenzen in praxisorientierter und interaktiver Form zu vermitteln.

Wie ist der Trainingsleitfaden aufgebaut und wie kann ich ihn anwenden?

Der Trainingsleitfaden ist in Modulform aufgebaut und verbindet interkulturelle mit betriebswirtschaftlichen Elementen. Um alle Module in einem Training anzuwenden, sollte ein Zeitrahmen von einer Woche eingerechnet werden. Die Unterteilung des Materials in Basis- und Wahlmodule ermöglicht aber auch die Anwendung einzelner Module in Trainings und Workshops anderer fachlicher Ausrichtungen.

Die Module sind jeweils gegliedert in

  • Hintergrundmaterial für die TrainerInnen
  • Leitfäden für die Durchführung
  • Handouts und Folienvorlagen
  • Zusätzlich gibt es einen Leitfaden für partizipative Trainingsmethoden.

Für wen ist der Trainingsleitfaden Interkulturelle Managementkompetenz gedacht?

Die Zielgruppe, an die sich der Trainingsleitfaden Interkulturelle Managementkompetenz des Landesamtes wendet, wurde bewusst sehr offen definiert. Wir sehen Möglichkeiten der Anwendung in

  • Wirtschaft
  • Wissenschaft
  • Nichtregierungsorganisationen (NROs)
  • Verwaltung
  • und allen weiteren transnationalen und kulturell-gemischten Arbeitsfeldern.

Hinweis für interessierte Kommunen:

Unter dem Titel „Faires Miteinander“ veröffentlicht die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt/ InWEnt gGmbH in Kürze einen „Wegweiser für die interkulturell kompetente Kommune“. Er motiviert kommunale Akteure, sowohl Profis als auch Neulinge, sich mit dem Thema interkulturelle Kompetenz auseinander zusetzen und „Lust“ zu bekommen, selbst aktiv zu werden! Sehr anschaulich und praxisorientiert sensibilisiert „Faires Miteinander“ für interkulturelle Fragestellungen und zeigt allen Interessierten anhand von „good practices“ wie interkulturelle Kompetenz in Kommunen gelebt und erlernt werden kann. Als Orientierungshilfe bietet der Serviceteil kommunale Ansätze zu Umsetzungsstrategien, verbunden mit Informationen über AnsprechpartnerInnen, Einrichtungen, AnbieterInnen von Qualifizierungsmaßnahmen sowie Literatur- und Internetressourcen.  Weitere Informationen und Bestellungen: Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, Tulpenfeld 6, 53113 Bonn, Fon: 0228/ 2434-630,  www.service-eine-welt.de.

Weil wir das Material gerne so vielen verschiedenen Zielgruppen wie möglich zur Verfügung stellen wollen, sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen.

Wenn Sie den Trainingsleitfaden, bzw. Teile daraus in Ihrem Arbeitsfeld angewandt haben, würden Sie uns sehr helfen, wenn Sie uns an Ihren Erfahrungen, die sie damit gewonnen haben, teilhaben lassen würden.

Sie können dies ganz einfach tun, indem Sie folgenden Fragebogen ausfüllen:

Feedback

Nur so sind wir in der Lage, in der Weiterentwicklung des Trainingsleitfadens die Befürfnisse Ihres Arbeitsbereiches zu berücksichtigen.

Sie benötigen hierfür ein Passwort, das vom Landesamt für Entwicklungszusammenarbeit Bremen vergeben wird.

Das Passwort ist grundsätzlich gegen eine Kostenbeteiligung von 25,00 € zu erhalten, Ausnahmen sind im Einzelnen in Abstimmung mit dem Landesamt für Entwicklungszusammenarbeit Bremen möglich.

Bitte setzen Sie sich in Verbindung mit  Katja Eichler

Zu links, zu schwul

Senat besiegelt Ende des Offenen Kanals in Hamburg

Artikel aus der Frankfurter Rundschau vom 30.4.2003 von Jenny Niederstedt

Es begann im Juli mit einem Artikel in der Bild. Da erklärte der Vorsitzende der Hamburger CDU-Fraktion, Michael Freytag, der Senat wolle den “Offenen Kanal Hamburg” aus der Trägerschaft der Hamburgischen Anstalt für neue Medien (HAM) lösen. Titel des Artikels: “Zuviel Gewalt. Zuviel obskure Propaganda. Zuviel Quatsch.” Die Aufregung war groß: Die Gewerkschaft Verdi protestierte, die GAL-Fraktion protestierte – und die HAM protestierte natürlich auch. Gestern endete der Streit nun: Der Senat hat eine grundlegende Neufassung des Hamburgischen Mediengesetzes beschlossen. Und damit das Ende des Offenen Kanals.

In einer Mitteilung des Senats heißt es dazu lapidar: “Der Betrieb des bisherigen Offenen Kanals wird beendet.” Geplant ist dafür ein Sender namens “Bürger TV”, der von der neu gegründeten Hamburg Media School betrieben werden soll.

Die Schule ist halbprivat, wird allgemein als Renommierprojekt des Senats angesehen und soll junge Journalisten ausbilden. Die Studenten dürfen den Bürgerfunk vom kommenden Jahr an im Rahmen ihrer Ausbildung betreuen. Der Senat erhofft sich eine “wesentliche Verbesserung der entsprechenden Fachausbildung” – von einer Verbesserung des inhaltlichen Angebots ist keine Rede. Jan Henne de Dijn, Geschäftsführer der Media School,  dagegen plant eine stärkere Professionalisierung des Sendekonzepts. Vor allem im technischen Bereich gebe es enormen Nachholbedarf. Den räumt auch der bisherige Leiter des Kanals, Leo Hansen, ein: “Im Fernsehen laufen bei uns zum Teil tatsächlich Sendungen, die technisch nicht perfekt sind und vielleicht auf geringes allgemeines Interesse stoßen.” Diese Vielfalt sei aber Konzept der Offenen Kanäle – und das bundesweit. “Wir haben keine Chefredaktion, die Nutzer sind eigenverantwortlich.” Jetzt sollen dagegen die Inhalte der Sendungen kontrolliert werden: Bei “Bürger TV” müssen Beiträge vor der Sendung “geprüft und genehmigt” werden.

Dabei könnten regierungskritische Beiträge unter den Tisch fallen, befürchtet das Nutzerforum des Offenen Kanals. Und kritisiert, dass Rundfunkgebühren in Höhe von 800 000 Euro künftig “zweckentfremdet” an eine “private Eliteschule” gingen. Das Forum sieht die Meinungsvielfalt durch das neue Mediengesetz beschnitten. “Wir sind dem Senat zu links, zu schwul, und wir haben zu viele Ausländer”, sagte Peter Gehlsdorf vom Forum schon vor der Senatsentscheidung. Bislang sendete der Kanal querbeet: Berichte aus den Stadtteilen wurden von politischen Features abgelöst, nach einem Schwulen-Quiz lief ein Sprachkurs der Volkshochschule. Die Vielfalt machte das Angebot des Offenen Kanals vor allem für Ausländer interessant: Beiträge in mehr als 20 Sprachen waren zu hören und zu sehen.

Jetzt befürchtet das Nutzerforum eine Einschränkung des fremdsprachlichen Angebots. Denn der rechts-konservative Senat begründet seine Gesetzesvorlage auch mit seiner Integrationspolitik. Demzufolge verhindern fremdsprachliche Sendungen Integration – im Klartext: Ausländer brauchen Sendungen auf Deutsch, um in der hiesigen Gesellschaft anzukommen. “Ich glaube aber vielmehr, dass die Orientierung in einer neuen Stadt, einer neuen Gesellschaft viel leichter fällt, wenn man sich in seiner Muttersprache informieren kann”, sagt Kanal-Chef Hansen. “Außerdem wurden bei uns seit Juli alle Sendungen zweisprachig ausgestrahlt.” Hansen hofft, dass sich der neue Träger dem Senatskonzept nicht anschließt. “Immerhin ist die Hamburg Media School ja eine internationale Schule, da sollte sprachliche Vielfalt selbstverständlich sein.”

Das neue Hamburger Mediengesetz könnte über die Stadtgrenzen hinaus Auswirkungen haben – nicht nur wegen der Abschaltung des Offenen Kanals. Als erstes Bundesland hat Hamburg wesentliche inhaltliche Auflagen für die privaten Radiosender aufgehoben: Der Informationsauftrag der Sender wurde gestrichen. “Die Erfüllung der Programmaufgabe erfolgt in eigener Verantwortung des Rundfunkveranstalters”, heißt es in der Gesetzesvorlage. Gleichzeitig sollen die Kontrollmöglichkeiten der HAM beschränkt werden. Das heißt: Dudelsender müssen sich künftig an keine Textquote halten, Nachrichten dürfen von Werbung unterbrochen werden. Bislang waren je nach Sendergröße Wortanteile zwischen zehn und 15 Prozent vorgeschrieben. Die “schwer begreifliche Überregulierung im Privatrundfunk” hat der Senat in seiner Vorlage gestrichen. “Diese Entscheidung wird Auswirkungen auf die gesamte Radiolandschaft haben”, sagt HAM-Direktor Lothar Jene, “denn jetzt wird sich eine noch stärkere Kommerzialisierung durchsetzen können.” Der Gesetzentwurf des Senats soll noch vor der Sommerpause die Hamburger Bürgerschaft passieren. Am 25. Juni wird dort voraussichtlich entschieden. Anfang Juli wird dann wohl die letzte Sendung des Offene Kanals laufen.

Stammtisch Europa

Hier weiß jeder gegen jeden irgendetwas: Hundert nationale Vorurteile, auf einem Bierdeckel notiert, ergeben die Quersumme null

Musste Berlusconi sich wirklich entschuldigen? War sein Staatssekretär zum Rücktritt gezwungen? Ihre Äußerungen über Deutschland haben in Wahrheit nur ans Licht gebracht, was ohnehin zum europäischen Alltag gehört. Der Kontinent wird seit alters nicht nur durch Kultur und Geschichte, sondern durch die gegenseitigen Vorurteile der Nationen zusammengehalten.Recht eigentlich sind die Ressentiments ein Teil dieser Kultur, jedenfalls eines bis heute lebendigen Brauchtums, in dem sich die Gegenwart des Fremdenverkehrs und die Vergangenheit von Kriegen und Demütigungen kurios verschränken. Solange nicht zu staatlicher Politik und Propaganda wird, was an den nationalen Stammtischen umläuft, muss niemandem bange sein. Jeder weiß hier gegen jeden irgendetwas Böses, und alles zusammengerechnet ergibt die Quersumme null. Sollte jemand geneigt sein, das dumpfe Übelwollen einer Nation gegen die andere noch seinerseits übel zu nehmen, müsste er nur den Bierdeckel betrachten, auf dem wir einige der Vorurteile notiert haben, um die relativierende Kraft des versammelten Unfugs zu erkennen.

Gewiss gibt es Völker, die großmütiger, und andere, die rachsüchtiger empfinden. Es gibt auch solche, die Sympathie für lange verspielt haben, wie das deutsche; aber selbst ihm wird heute lieber das Tragen von Sandalen als die Nazi-Zeit zum Vorwurf gemacht. Andere wie Belgien oder Polen sind offenbar Opfer der Massenmedien und ihrer Spektakelmacherei. Wieder andere können sich nur mühsam von dem Verlust einstiger Weltgeltung erholen. Das Niederringen der spanischen Kolonialmacht, auch die Konfessionskriege haben augenscheinlich nachwirkenden Eindruck gemacht. Es gibt Nationen, die stark in der Gegenwart leben, und solche, die sich längst vergangener Siege oder Niederlagen lebhaft erinnern.

Die Feuilleton-Redaktion der ZEIT hat ihre Korrespondenten, aber auch Freunde und Bekannte im Ausland gebeten, die Vorurteile zu sammeln, die noch heute in Umlauf sind. Niemand meinte, mit Wahrheiten zu handeln. Alle waren peinlich berührt oder schaudernd amüsiert über die Gespenster, die sie aus den Tiefen des nationalen Vorbewussten heben mussten; manche waren s

Im Zweifel hat sich die Redaktion für die größere Dummheit entschieden; denn unter Vorurteilen nach dem Vernünftigsten zu forschen käme einer Rehabilitierung gleich. Das Lehrreiche am Ressentiment ist seine Haltlosigkeit. Das wissen auch alle, die am europäischen Stammtisch zechen; es ist mit ihnen wie mit einer Familie, die im lästernden Klatsch über Cousins und Cousinen der Verwandtschaft Ausdruck verleiht. Selbst unter Skandinaviern, deren gegenseitiges Verhältnis wir hier außer Betracht lassen, werden die kuriosesten Vorurteile weiter gepflegt; sie stören aber den friedlichen Verkehr nicht im Geringsten. Das schlechte Selbst braucht seinen Auslauf; wir müssen nur darauf achten, dass es nicht über den Rand des Bierdeckels schäumt.

(c) DIE ZEIT 17.07.2003 Nr.30

Können Bürgermedien ein Ansatz für die Aktivierung von MigrantInnen sein?

Können Bürgermedien ein Ansatz für die Aktivierung von MigrantInnen in der Gesellschaft sein?

- Erfahrungen aus dem OK Hamburg
Unter welchen Bedingungen existiert der Offene Kanal?
Bevor man über die Möglichkeiten eines Bürgermediums diskutiert, muss man die Bedingungen kennen (oder schaffen), unter denen dann auch MigrantInnen sich artikulieren können.
Der OK-Hamburg ist keine öffentliche Institution wie eine Bücherhalle, sondern basiert auf dem Hamburger Mediengesetz, worin 1988 die Einrichtung eines OK beschlossen wurde. Der OK-Hamburg definiert sich durch folgende Ziele und Merkmale als Bürgermedium:
bislang wurde er als Ergänzung bzw. Bestandteil einer pluralistischen Medienlandschaft in Hamburg gesehen
der OK hat keinen Programmauftrag wie andere öffentliche Sender, sondern stellt vor allem ein Angebot zur Nutzung dar:

  • quotenunabhängige Finanzierung aus einem Anteil an den Hamburger Rundfunkgebühren, keine Werbung oder Sponsoring
  • Produktions- und Sendekapazitäten für Radio und Fernsehen werden für Hamburger BürgerInnen zur Verfügung gestellt
  • der OK richtet sich an Minderheiten: “Sein Angebot gilt vor allem denjenigen, die in anderen Medien nur unterdurchschnittlich zu Wort kommen.”
  • bei der Vergabe von Produktions- und Sendekapazitäten gilt das Prinzip der Schlange: Wer zuerst kommt, bekommt zuerst.
  • lokale Verbreitung in Hamburg
  • im OK machen Bürger, also Laien das Programm; welches sich nicht an “professionellen” Maßstäben orientieren muss.
  • Nutzer gestalten und verantworten selber ihre Beiträge, OK-Redakteure informieren, beraten und unterstützen (Hilfe zur Selbsthilfe)
  • Beiträge müssen einen hohen Eigenanteil aufweisen (OKs sind keine “Abspielstation”)
  • keine Zensur, aber Garantenpflicht des OK als Sender / Verbreiter für die Einhaltung der Programmgrundsätze bzw.

Rechtsgrundsätze

Welche Zukunft haben Bürgermedien?
Die Entwicklungen in Hamburg zeigen, wie abhängig die Existenz des OK von politischen Entwicklungen und Bestrebungen ist.
Weil der OK keine öffentliche Einrichtung darstellt und durch seine “Erfolge” schwer messbar sind, ist er auch leicht angreifbar. Umso wichtiger für dessen Zukunftsfähigkeit ist das Verständnis und die Akzeptanz in der Bevölkerung, besonders aber bei politischen Funktionsträgern, gegenüber den Aufgaben und Aktivitäten des OK .
Als Bürgersender ohne inhaltliche Kontrolle zieht der OK ein gewisses Mißtrauen auf sich. Zu den typischen Vorwürfen gehört die “Sorge” – oder eher der Verdacht -, daß der OK missbraucht werden könnte von Radikalen, die inhaltliche und technische Qualität der Beiträge schlecht sei und die Unverständlichkeit von fremdsprachigen Sendungen problematisch sei. Die Praxis zeigt, dass es für diese Vermutungen keine Belege gibt.
Zur Steigerung der Programmqualität strebt der Hamburger Senat nun eine drastische Veränderung an, wonach künftig die Verantwortlichkeit für die Sendungen nicht mehr bei dem Nutzer, sondern bei dem künftigen Träger liegen solle. Es wäre zu hinterfragen, ob dieses Argument rechtfertigt, ein Kernelement des Bürgermediums Offener Kanal herauszubrechen, indem eine inhaltliche und qualitative Vorbewertung der Beiträge stattfinden würde.
Welche Möglichkeiten bietet der OK MigrantInnen bzw. wie nutzen diese den OK?

  • eigene Sendungen produzieren und senden
  • muttersprachliche Sendungen dürfen nur noch mit Übersetzung, Untertitel oder in Zweikanalton gesendet werden (seit Oktober 2001)
  • tatsächlich sind ausländische Nutzer sehr aktiv im OK,
  • das Nutzungsprofil entspricht aber nicht den demographischen Strukturen in Hamburg: es gibt kaum türkische Sendungen, überwiegend sind afghanische / persische Sendungen
  • vorrangig wird das Fernsehen genutzt
  • von Älteren für Ältere
  • Zielgruppe: die eigene Gruppe, keine interkulturellen Ziele
  • überwiegend Unterhaltungssendungen
  • Motivation: die eigene Kultur bewahren, daher muttersprachlich
  • großer Bekanntheitsgrad und Feedback in der eigenen Community
  • Nutzerschaft stellt kein Potenzial für Weiterentwicklung zu interkulturellen Sendungen dar; Auflagen zur Verständlichkeit werden als diskriminierend empfunden
  • Förderung eines Interkultureller Dialog durch Inititativen des OK

Motive: Weiterentwicklung des OK

  • gesellschaftliche Notwendigkeit (Zuwanderungsgesetz) für interkulturelle Konzepte
  • gegenseitiges Verständnis und interkulturelle Kompetenz fördern
  • Inhalte vermitteln, die für beide Seiten interessant sind
  • Deutsch als gemeinsame Sprache
  • Bildung einer festen Redaktion:

ARENA – das interkulturelle Stadtmagazin, weil keine Nutzer gefunden wurden,
Lösungsansätze / Thesen / Zusammenfassung
OK können auf lokaler / regionaler Ebene eine wichtige Plattform zur Information und Kommunikation für MigrantInnen sein
Voraussetzung für eine erfolgreich Aktivierung von MigrantInnen ist deren Motivation
Interkulturelle Sendungen sind am ehesten mit jüngeren MigrantInnen realisierbar, die Deutsch kompetent beherrschen oder die Kompetenz der deutschen Sprache bestimmt die Programmform: wer nicht gut Deutsch kann, macht ausschließlich Sendungen in der Muttersprache,
eine redaktionelle Struktur (Anleitung, Koordination, Programmgestaltung) ist unerläßlich für erfolgreiche Sendungen
sofern Hilfen für die Produktion geboten werden, sinkt die Hemmschwelle für Vereine etc.
Weiteren Infos:
siehe www.offener-kanal-hamburg.de’

Neue interkulturelle Programmangebote bei SWR-Radio

Gespräch von Martin Kilgus mit Prof. Meier-Braun, Leiter der Fachredaktion

‘SWR International’ und Ausländerbeauftragter des Südwestfunks, über  die neue Programmstruktur von SWR-International.

Anmerkung: Um Audio-Files abspielen zu können muß ein Medienplayer installiert sein.

Kultur und Migration

Zum Stellenwert von Kultur in Migrations- und Integrationsprozessen

Kultur ist ein Begriff, der immer wieder in unterschiedlichsten Kontexten auftaucht und der für unsere Alltagssprache eine große Rolle spielt. Es ist die Rede von der “eigenen Kultur”, von der “fremden Kultur”, von der “Essenskultur”, von der Kultur im Sinne von Musik, Kunst und Theater, von der “Gesprächskultur”, von der “Alltagskultur”, von der “Soziokultur”, der “italienischen”, der “islamischen” und “christlichen”, der “türkischen” und “deutschen” Kultur.  Kultur dient sogar inzwischen zur Erfindung von Neologismen, die bis vor kurzem in der deutschen Sprache gar nicht existierten: Der merkwürdige Begriff der “Unternehmenskultur” ist zum Beispiel so ein Wort, das unübersehbar dem Zweck der Kompensation des zunehmend größer werdenden Legitimationsdefizits marktradikaler Denk- und Handlungsweisen dient.

Dass der Begriff der Kultur eine so vielfältige Verwendung in unterschiedlichsten Kontexten erfährt, hat etwas Sympathisches: Viele Sphären des gesellschaftlichen Lebens erfahren durch die Verleihung des Prädikats Kultur eine Aufwertung, ihnen wird gewissermaßen ein besonderer Wert zuerkannt. Die inflationäre Verwendung des Kulturbegriffs hat aber auch etwas Beunruhigendes: Es ist nicht mehr klar, wovon eigentlich gesprochen wird. Der Begriff wird inhaltsleer, um dadurch umso mehr mit teilweise Belanglosigkeiten aufgefüllt zu werden. Vielfach wird also so getan, ob Kultur ein “terra cognita” (bekanntes Land) ist. Dabei ist es zumeist ein “terra incognita” (unbekanntes Land).

Allgemein lässt sich vielleicht sagen: Kultur ist alles, was dem Einzelnen erlaubt, sich in der komplexen Welt, in der ausdifferenzierten Gesellschaft und gegenüber der vielfältigen Erzählung von Geschichte zurechtzufinden. Heute wird sich aber niemand auf der komplexen und multi-kulturellen Welt zurecht finden, der vermeintlich angestammte Monokultur fortsetzen will, es sei denn, er greift zur Gewalt. Die aber wäre dem Begriff nach das Gegenteil von Kultur, wenngleich in unseren modernen Gesellschaften Kultur und barbarische Gewalt vielfach dicht beieinander liegen. Insbesondere lässt sich nicht über den Zusammenhang von Kultur und Migration nachdenken, ohne zugleich über Gewalt nachzudenken, die oft und fälschlich als entladener Kulturkonflikt schöngeredet wird.

Kultur als Monokultur: Keine Kultur der Integration

Von Kultur ist zumeist in Form von Monokultur die Rede. Immer wenn die Begriffe “Überfremdung”, “Überschwemmung”, “Vermischung”, “Koloniebildung”, “Parallelgesellschaft” u. ä. fallen, ist die non-kulturelle Idee einer “deutschen Leitkultur” nicht weit entfernt. Diese Idee kulturalisiert Politik und politisiert Kultur, um mit der Angst vor Verlust kultureller Werte und Normen, gar vor einer tiefen kulturellen Krise, interkulturelle Verständigungsprozesse zu blockieren und kulturblinden Stimmenfang zu betreiben. Interessant ist, dass man damit zumeist auf die Stimmen derer hofft, die vielfach nicht einmal wissen, wann Deutschland als Nationalstaat entstanden ist, geschweige denn, was die Größen und Inhalte einer “deutschen Leitkultur” sein könnten.

Ein solcher Diskurs ist keine Kulturdebatte, auch wenn sie als solche daher kommt und teilweise so missverstanden wird. Sie ist ein über die Instrumentalisierung der Kultur ausgetragener Versuch der Festschreibung des alten Zustands, in dem die Partizipationsmöglichkeiten der Migrantinnen und Migranten stark eingeschränkt sind. Interessant ist, dass in der einwanderungspolitischen Debatte der vergangenen Jahre die Frage der politischen Partizipation kaum eine Rolle spielt. Die Frage der demokratischen Beteiligung von nichtdeutschen Migrantinnen und Migranten an der politischen Meinungs- und Willensbildung, die in der Vergangenheit zumeist in der Forderung nach einem “Ausländerwahlrecht”, also dem aktiven und passiven kommunalen Wahlrecht, zum Ausdruck kam, scheint durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, das kommunale Wahlrecht sei nicht ohne weiteres mit Bestimmungen des Grundgesetzes vereinbar, erledigt zu sein. In der Frage des Wahlrechts hat das Bundesverfassungsgericht auf die Möglichkeit der Einbürgerung verwiesen, die für Migrantinnen und Migranten  die einzige Möglichkeit ist, das allgemeine aktive und passive Wahlrecht verliehen zu bekommen, insofern sie keine Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union sind, die seit 1994 das kommunale Wahlrecht haben. Die Ambivalenzen des Einbürgerungsrechts sind aber allseits bekannt.  Für die überwiegende Mehrheit der hier lebenden Migrantinnen und Migranten sind somit kaum Möglichkeiten der klassischen politischen Betätigung vorhanden. Die Ausländerbeiräte, die in manchen Städten wie Hannover aufgelöst und in Migrations- und Integrationsausschüsse umgewandelt werden, sind die einzigen teilweise gewählten Gremien, die allerdings unter einer chronischen Legitimitätsschwäche leiden, da sie zumeist nicht einmal 10 % der Stimmen erreichen. Hinzu kommen ihre Selbstorganisationen und politischen, zumeist an der Politik ihrer Herkunftsländer orientierten politischen Bewegungen mit einer vielfältigen Vereinsstruktur, in denen sie sich am Rande des Gesetzesverstoßes politisch betätigen, weil das Ausländerrecht ihre politischen Betätigungsrechte einschränkt. Im Kern hat das neue Zuwanderungsgesetz in § 47 das umfassende “Verbot und Beschränkung der politischen Betätigung” aus dem Ausländergesetz bruchlos übernommen. Mit dem Terroristenbekämpfungsgesetz wurden ferner die spezifischen Verbotsgründe für sogenannte Ausländervereine stärker ausdifferenziert und erweitert.

Es gibt also in der Bundesrepublik eine erhebliche Zahl von Menschen, die teilweise in ihrem ganzen Leben nicht gewählt haben. Dabei ist der periodische Wahlmechanismus die wichtigste Legitimationsbasis repräsentativer Demokratien. Das Demokratieprinzip verbietet es, eine relevante Minderheit in einem demokratischen Verfassungsstaat auf Dauer von der politischen Mitwirkung auszuschließen. Das seit Jahrzehnten bestehende Legitimationsdefizit der deutschen Demokratie, das aus dem Ausschluss vieler Millionen Menschen von den Staatsbürgerrechten unmittelbar folgt, kann nicht lange aufrecht erhalten werden, ohne dadurch die Demokratie selbst nachhaltig zu beschädigen. Nur wer aktiv mitgestalten darf, identifiziert sich mit seiner Gesellschaft. Erst auf der Grundlage einer politischen Gleichberechtigung wird ein wirklich interaktiver Integrationsprozess möglich sein, in dem sich Subjekte auf gleicher Augenhöhe begegnen.  Damit könnte man auch Rassismus und Diskriminierung ganz anders begegnen. Die rechtliche und politische Ungleichheit zwischen Menschen liefert eine wichtige Voraussetzung für die ideologische Fiktion der Ungleichheit von Menschen. Das Gebot der Stunde ist die längst fällige geistige Akzeptanz einer Verfassungsdemokratie, für die kultureller Pluralismus seiner Bürger selbstverständlich ist.

Der Diskurs der “Leitkultur” zielte im Namen einer Kulturdebatte auf die Verhinderung dieser überfälligen geistig-mentalen Wende in Deutschland. Er wollte die Idee einer homogenen “Nationalkultur” beleben, die immer schon eine Fiktion war und nirgends, also auch nicht in Deutschland, eine Entsprechung in der Vielfalt der Gesellschaft hatte. Er war zudem die Einladung an den “Kampf der Kulturen” Huntingtons, der bekanntlich seine fragwürdige These aus dem scheinbar intern ablaufenden Kampf zwischen den Kulturen in den USA abgeleitet hatte. Ohne die geistig-mentale Absage an die fiktive kulturelle Homogenität der völkischen Nation also wird es Integration als interaktiven Prozess und eine humanitäre Asyl- und Zuwanderungspolitik mit allem dazugehörigen kulturellen Reichtum nicht geben. Daher kann und muss Integration nicht als “Assimilation” an die Deutschen und ihre “Kultur” und kulturellen Überlieferungen erfolgen, sondern als ein Prozess der politischen, rechtlichen, sozialen und kulturellen Integration von Migrantinnen und Migranten und Deutschen in einer sich wandelnden modernen Gesellschaft. Integration kann nur die Überwindung faktischer Ausschlüsse und sozialer Diskriminierung für alle bedeuten, also auch der kulturellen Ausschlussmechanismen, die in der geschichteten Welt des kulturellen Kapitals für alle Subalternen gelten.

Interkultur: Ambivalenzen eines Begriffs

Migration und Integration sind schon immer da gewesene Phänomene menschlicher Existenz auf diesem Globus. Migration und Integration sind vor allem Phänomene, die Kultur ermöglichen. Das scheint eine gewagte These zu sein: Aber kann jemand allen Ernstes irgend ein Medium der Kultur, irgendein Akt der Kultur nennen, der Ergebnis von Abschottung wäre? Sozusagen im vermeintlich warmen Nest des scheinbar Reinen entstanden? Gehört nicht der Spruch Goethe, kein Deutscher könne eine Schuh zuschnallen, der es nicht von einem Ausländer gelernt habe? Kultur und Abschottung, Kultur und die Idee des Reinen, Kultur und die Idee geschlossener Entitäten widersprechen sich der Sache nach. Kultur ist nur in und mit der Beziehung möglich, in der Beziehung zur Natur, in der Beziehung zu Mitmenschen und in der Beziehung zu sich selbst.

Die lange genug imaginierte deutsche Monokultur hat nur den Prozess des Ausschlusses und der Festigung scheinbar natürlicher Ethnoidentitäten unterstützt. In Wechselwirkung mit dieser Fiktion monokultureller Identität haben sich Gruppen von Migrantinnen und Migranten auf ihre scheinbar monokulturellen Identitäten zurückgezogen. In Deutschland scheint für manche mehr als in der Türkei klarer zu sein, was “türkische Kultur” ist. Dabei sind ihre Träger in Deutschland in der Türkei vielfach von den kulturellen Eliten dort als kulturlose Bauern und Arbeitssklaven tituliert worden. Die vermeintliche Existenz dieser Monokulturen hat diejenigen, die von der Notwendigkeit von Verständigungsprozessen überzeugt waren, immer wieder auf die Suche nach Begriffen geschickt, die den intensiven Kulturkontakt fördern könnten. Man erfand den Begriff der Multikultur, kritisierte den, erfand den Begriff der Interkultur, die ebenfalls dem Begriff nach die Existenz von einheitlichen Kulturen suggeriert, aber auf das Dazwischen hinweist, auf die im Dazwischen liegende Freiheit. Man könnte also sagen, dass der Begriff der Interkultur die Wundmale der völkisch verstandenen Einheitskultur in sich trägt. Dennoch: Solange die Veränderung der Begrifflichkeit noch nicht in den Köpfen und den gesellschaftlichen Realitäten angekommen ist, überwiegt beim Begriff der Interkultur der Aspekt der interkulturellen Verständigung. Und das ist gut so!

Kultur als Medium der Integration

Kultur lädt zur Entdeckung ein, beflügelt die Fantasie, die ins unbekannte Land ziehen will, um den Verstand und die Sinne zu bereichern. Die Fantasie lässt sich auf das Andere ein, konsumiert das Andere nicht, sondern ist vorsichtig und hat einen feinen Fühler. Kultur schärft nicht nur den Blick auf Bekanntes und Vertrautes. Kultur hinterfragt vielmehr das vermeintlich Alltägliche, stellt die Selbstverständlichkeiten in neue Zusammenhänge und ermöglicht so den Fortgang des Lebens.

So gibt es auch inzwischen so etwas wie “Migrationskultur” jenseits von folkloristischer Vermarktung kultureller “Eigenarten” der Migrantinnen und Migranten. Sie nimmt die Erfahrung des Fremdseins ernst, lebt von der unbändigen Sehnsucht nach dem globalen Einheimisch-Werden und versucht die Zerrissenheiten des eigenen Daseins als Zerrissenheiten von Gesellschafts- und Welterfahrung überhaupt zu verallgemeinern und so für alle verstehbar, vermittelbar und kommunizierbar zu machen. So schafft sie Solidarität, ermöglicht Empathie und verbindet. Kultur in Migrations- und Integrationsprozessen ist die Zärtlichkeit der Sprachlosen, ist die Sprache derer, die den schwierigen Weg vom “Nix-Verstehen” zum kommunikativen Menschen vielfach von neuem beschreiten müssen.

Die kulturellen Aktivitäten in soziokulturellen Zusammenhängen und Räumen spielen eine enorme Rolle bei der Integration von Menschen deutscher und migrantischer Herkunft in den sich höchst dynamisch wandelnden gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang. Ohne die Kultur und deren zumeist übersehenen Beiträge hätten wir heute wahrscheinlich ein ganz anderes Niveau der Integration. Die Kultur erinnert uns immer wieder daran, dass Menschen nur als Subjekte integriert werden können, nicht als kulturlose Arbeitsmaschinen. Das allein immer wieder klar zu machen, ist die große Leistung der Kultur, der Soziokultur und alles dessen, was unter Interkultur läuft.

Kulturbegegnungen überraschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Ausschnitten, regen zum Nachdenken an, lassen Parallelen entstehen und führen zu Schnittpunkten: Der Mensch erfährt in und durch die Kultur nicht nur sich selbst, sondern auch sein Gegenüber, den Anderen. Er erfährt sich selbst und den Anderen als das, was sie sind: Mensch!

Dr. Gazi Caglar ist Lehrbeauftragter am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hannover und Mitarbeiter im Büro der Ausländerbeauftragten des Landes Niedersachsen
Email: izag@gmx.de

Projektwerkstatt Umwelt und Entwicklung e.V.

Projektwerkstatt Umwelt und Entwicklung e.V., Hausmannstr. 9-10, 30159 Hannover, Tel: 0511 / 2625471, Fax: 0511 / 2625472, Mail: projektwerkstatt@projektwerkstattue.de Weiterlesen Projektwerkstatt Umwelt und Entwicklung e.V.